{"id":18,"date":"2013-05-05T23:40:26","date_gmt":"2013-05-05T21:40:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wortbahnhof.de\/?p=18"},"modified":"2014-12-11T00:02:05","modified_gmt":"2014-12-10T22:02:05","slug":"das-kann-aber-nicht-sein-wie-ich-mir-ohne-amtliche-namensanderung-einen-neuen-namen-in-der-universitat-besorgte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wortbahnhof.de\/?p=18","title":{"rendered":"&#8222;Das kann aber nicht sein!&#8220; &#8211; Wie ich mir ohne amtliche Namens\u00e4nderung einen neuen Namen in der Universit\u00e4t besorgte."},"content":{"rendered":"<p>Neulich machte ich mir im Gespr\u00e4ch mit meinem Psychologen klar, warum ich vor allem gerade nicht studiere, obwohl ich eigentlich teilweise gerne w\u00fcrde: In der Universit\u00e4t ist mein alter, b\u00fcrgerlicher Name verzeichnet, den ich nicht mehr f\u00fchre. Wenn ich mir dann denke, dass ich doch spontan und ohne Verpflichtungen in Seminare gehen k\u00f6nnte, schwingt immer die Angst mit, dass die Dozierenden die Namens-Liste im Online-Seminar-Verzeichnis sehen, dann die Anwesenheit abfragen und der alte Name sichtbar ist. Zwar habe ich mich dort in der Uni-Community auf unsichtbar gestellt, aber f\u00fcr Dozierende sind die Personen trotzdem sichtbar. Dies hat zur Folge, dass ich dann lieber nicht in Universit\u00e4ts-Veranstaltungen gehe, obwohl ich eingeschrieben bin und wie gesagt auch manchmal Lust darauf habe Veranstaltungen zu besuchen.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit meinem Psycho ergab sich dann nur die eine Konsequenz, die ich die ganze Zeit verschoben habe: Ich m\u00fcsste mich mit dem Universit\u00e4tskorpus in Verbindung setzen und eine L\u00f6sung finden, damit mein eigener Name innerhalb der Universit\u00e4t verzeichnet ist und ich nicht mehr mit falschen Namen assoziiert werde. L\u00e4ngerfristig w\u00e4re sicher eine offizielle Namens\u00e4nderung sinnvoll, doch dazu habe ich momentan noch nicht die Motivation gefunden.<\/p>\n<p>Ich wusste, dass eine Namens\u00e4nderung im universit\u00e4ren Rahmen m\u00f6glich ist, ohne dass der b\u00fcrgerlicher Name mit dem gew\u00e4hlten Namen \u00fcbereinstimmt. Dies hatte ich erfahren, als ich mich f\u00fcr eine anderen Person mit der Universit\u00e4tsleitung in Verbindung setzte, um dann in der Rechtsabteilung \u00fcber die M\u00f6glichkeiten zu sprechen, wie eine Namens\u00e4nderung, ohne vorherige \u00c4nderung des b\u00fcrgerlichen Namen etabliert werden k\u00f6nnte, also auch Outing-Situationen vermieden werden k\u00f6nnen. Ich rief also bei der verantwortlichen Person an, mit der ich das letzte Mal gesprochen hatte. Die Person war etwas genervt, sagte, dass ein Termin diese Woche nicht mehr m\u00f6glich sei, und ich schob die Genervtheit auf den vollen Terminkalender. Im Gespr\u00e4ch selbst sagte ich nur, dass ich da wieder einen Fall h\u00e4tte, da ich am Telefon selbst nicht sagen wollte, dass es um mich geht. Es war mir vorher schon klar, dass es viel einfacher ist f\u00fcr die Ziele von anderen Personen zu k\u00e4mpfen, als f\u00fcr meine eigenen. Zu pers\u00f6nlich und zu emotional bin ich dann. Ich f\u00fchle mich schutzlos und verletzlich, aber wenn ich f\u00fcr eine andere Person streite, dann kann ich sachlicher und k\u00e4mpferischer sein, weil es ja nicht meine Identit\u00e4t betrifft und eigene Zweifel und negative Gedanken nicht dazwischenfunken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zu dem Termin in der darauffolgenden Woche nahm ich eine_n Freund_in mit, damit ich ein wenig R\u00fcckendeckung genie\u00dfen konnte. Die Person aus der Rechtsabteilung begr\u00fc\u00dfte uns freundlich-besch\u00e4ftigt und r\u00e4umte erstmal ein dutzend an dicken Leitzordnern vom Tisch, die sich auf diesem stapelten. Sie fragte, was sie f\u00fcr uns tun k\u00f6nne. Ich erl\u00e4uterte etwas befangen, aufgeregt, dass es wieder um eine Namens\u00e4nderung ginge, ohne dass der b\u00fcrgerliche Name damit \u00fcbereinstimme, dass es darum geht, dass ich eben nicht studiere, obwohl ich gerne studieren w\u00fcrde, und ob wir da wieder eine L\u00f6sung finden k\u00f6nnte. Ich sprach davon, dass ich auch ein Schreiben meines Psychologen dabei h\u00e4tte, in dem steht, dass ich wegen Trans* in Behandlung bin und auch einen Veranstaltungshinweis, auf dem mein Name stand, um zu belegen, dass ich den Namen auch wirklich-wirklich benutze. Wir l\u00e4chelten und schmunzelten, sie wollte die Unterlagen jedoch nicht sehen, fragte danach, was mir vorschwebte. Wie beim letzten Mal versuchte die Person aus der Rechtsabteilung eine M\u00f6glichkeit zu finden den Vornamen mit einem Punkt abzuk\u00fcrzen, da der Anfangsbuchstabe von des jetztigen und des alten Namens der selbe war. Gl\u00fccklicherweise ging dies jedoch nicht, da im Computer-System keine Punkte in Namen erlaubt sind. Mit der Aussage, dass sie nicht w\u00fcsste, was dagegen spr\u00e4che, verwies sie mich an den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Studierendensekretariats, den sie anrief, um einen Termin zu machen. Dieser sagte, dass ich sofort vorbeikommen k\u00f6nne, weshalb meine Begleitung und ich uns auf den Weg dorthin machten.<\/p>\n<p>Beim Studierendensekretariat angekommen, begr\u00fc\u00dfte uns der Mensch dort nach einer kurzen Begr\u00fc\u00dfung mit: \u201eJa, dann bekomme ich von einem von ihnen eine Matrikelnummer und einen neuen Namen\u201c. Mit beidem konnte ich dienen. Da ich noch ein neues Passbild f\u00fcr den neuen Studierendenausweis vorbeibringen wollte, m\u00fcsse ich nochmal kommen. Im System wurde jedoch schon mein Name ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Per E-Mail (an meine alte Universit\u00e4ts-E-Mail-Adresse) erhielt ich dann in Kopie die Unterhaltung zwischen dem Menschen aus dem Studierendensekretariat und der Person vom Hochschulrechenzentrum, welche daf\u00fcr zust\u00e4ndig war, dass ich eine neue E-Mail-Adresse erhielt. Denn ohne neue E-Mail-Adresse kein neuer Studierendenausweis. Da standen dann die Fakten, dass sich mein Name ge\u00e4ndert habe, jedoch auch, dass ich eine \u201eGeschlechtsumwandlung\u201c gemacht habe. Soso&#8230; Ich nahm es mit Humor, weil ich bekommen hatte, was ich wollte, und mir der Rest egal war. Dass eine Namens\u00e4nderung jedoch mit Transsexualit\u00e4t und Geschlechtsangleichungen verbunden wird, ist in dem Fall lustig. Denn davon wie ich mich identifiziere habe ich weder in der Rechtsabteilung noch im Studierendensekretariat etwas gesagt: Aber klar, ich stehe als m\u00e4nnliche Person im System und m\u00f6chte einen neuen Namen, wegen so Trans*-Geschichten. Dann muss ich ja eine \u201eFrau\u201c sein.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Montag schritt ich wieder zum Studierendensekretariat mit einem neuen Passbild und meiner Begleitung. Auf dem Weg dorthin fiel mir ein: Oh, vielleicht h\u00e4tte ich mich nochmal rasieren sollen oder nicht meine Camouflage-Hose anziehen sollen. Doch ich \u00fcberwand die Zweifel und dachte mir, dass das jetzt egal sei. Eine Person erwartete mich am Schalter, der ich kurz erz\u00e4hlte, dass ich eine neue Studierendenkarte beantragen wolle und hierf\u00fcr das Passbild mitgebracht hatte. Es kam wieder die Frage nach der Matrikelnummer, welche ich ihr mitteilte. Die Person las meinen Namen vor, mit einer weiblichen Anrede, welche im System stand. Darauf sagte sie: \u201eDas kann aber nicht sein!\u201c Ich sagte: \u201eDoch.\u201c Sie etwas zweifelnd aber dann doch akzeptierend, erl\u00e4uterte kurz, dass ich eine E-Mail an meine (neue) E-Mail-Adresse bek\u00e4me und dann den Ausweis abholen kann. Etwas weiteres m\u00fcsse ich nicht tun. Sie wies mich nur darauf hin, dass ich noch meinen Personalausweis mitbringen m\u00fcsse. Ich sagte: \u201eOkay.\u201c und verlies mit meiner Begleitung das Studierendensekretariat. Ich erz\u00e4hlte ihr davon, worauf er_sie sich zusammen mit mir freute, was passieren wird, wenn ich mit meinem Personalausweis, in dem ein alter Name steht, den Studierendenausweis mit neuem Namen abhole und alles, bis auf die Namen \u00fcbereinstimmen. Auch das Bild. Sp\u00e4ter fiel mir ein, dass ich die Person am Schalter noch h\u00e4tte fragen k\u00f6nnen, warum das denn nicht sein k\u00f6nne, dass ich Frau XYZ ZYX bin. Sie hatte ja auch eine weibliche Anrede, sogar ein Schild auf dem das stand und zudem mehr Oberlippenbart als ich im Moment unseres aufeinandertreffens. Meine Begleitung sagte, dass mensch mit der Zeit wohl schlagfertiger wird. Dann wurde mir klar, dass offenbar nicht nur mein Name ge\u00e4ndert wurde, sondern auch das Geschlecht, sonst h\u00e4tte die Person am Schalter nicht so verwundert eine weibliche Anrede verwendet.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter beim Einkaufen stand ich im Tegut an der Kasse. Vor mir 4 Kinder. Ein von mir als M\u00e4dchen gelesenes Kind sah mich, und fl\u00fcsterte ihrer Freundin(?) sofort etwas zu. Ich schaute sie bewusst an und l\u00e4chelte. Die zweite Person schaute mich an, kicherte sich einen ab und rannte dann weg. Aus Albernheit, vielleicht auch, weil ich sie ja auch anschaute. Kurze Zeit sp\u00e4ter vor dem Tegut-Supermarkt standen alle vier und unterhielten sich. Sie schauten mich an und ich schaute zur\u00fcck, grinste sie verschmitzt an, machte mich insgeheim \u00fcber ihre Geschlechtervorstellungen lustig, w\u00e4hrend sie sich \u00fcber mich lustig machten. Vielleicht die angenehmste Variante, als angepisst sein, weil ich nicht passe, weil ich angst habe, dass Menschen denken, dass ich falsch bin, dass ich doch eigentlich ein Mann bin. Das ist nerviger, als wenn ich das Gef\u00fchl habe als schwul zu passen. Wenn ich als schwul passe kann ich selbstbewusster sein, weil ich mich weniger als schwul definiere, als als weiblich. Weiblich nur halb passen ist dann wieder emotionaler, pers\u00f6nlicher, verletzlicher. Ausserdem gehen die Leute mit mehr Abstand um, wenn ich als Schwuler, also tendenziell eher als Mann* passe. Dann kann ich mich mit Menschen anlegen, dann werde ich w\u00fctend und stelle mir Kampfszenen mit Leuten vor, die gemein und verletzend zu mir sind. Wenn ich besonders darauf Wert lege als weiblich zu passen, dann erlauben sich die Menschen um mich mehr heraus, gehen mir weniger aus dem Weg, wenn ich vorbei will (was hei\u00dft, dass ich mehr Leute remple, wenn ich als weiblich gelesene Person passen m\u00f6chte), oder schauen verletzender. Aber auch ich bin verletzlicher, und achte mehr auf die Blicke. Vielleicht schauen die Leute auch immer gleich, nur je nach Performanz geht es n\u00e4her an mich heran.<\/p>\n<p>April\/Mai 2013.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich machte ich mir im Gespr\u00e4ch mit meinem Psychologen klar, warum ich vor allem gerade nicht studiere, obwohl ich eigentlich teilweise gerne w\u00fcrde: In der Universit\u00e4t ist mein alter, b\u00fcrgerlicher Name verzeichnet, den ich nicht mehr f\u00fchre. 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